Bunter Bahnhof Eisenhuettenstadt
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+ Kommentare Bunter Bahnhof Eisenhuettenstadt - 2006-11-14 02:40:26

Der goldige Oktober stand im Eisenhuettenstadt-Blog ganz im Zeichen des staedtischen Bahnhofs, der nach Generalbenbauungsplaenen fuer Eisenhuettenstadt eigentlich gar nicht mehr als solcher im Betrieb sein sollte. Der er es aber noch ist, war er fuer uns auch das Motiv des Monats Oktober.

Der Bahnhof der Eisenhuettenstadt ist erstaunlicherweise aelter als die Stadt selbst - ein Fakt, bei dem man vielleicht an die Urbanisierungsgeschichte mancher Wildwestmetropole denken, die sich um einen Zughaltepunkt herum entwickelte. Das hiesige Bahnhofsgebaeude entstand jedoch zugehoerig zu einer kleinen, dabei an mancher Ecke recht feinen Stadt: Fuerstenberg an der Oder, die Zeit ihrer Geschichte nur eingeschraenkt Furore machte und unter den merkwuerdigen Benamsungen nach dem Zusammenschluss mit Stalinstadt und Schoenfliess im Jahr 1961 Eisenhuettenstadt II bzw. Eisenhuettenstadt (Ost) noch weniger. Was heute das Schatzkaestlein der Stahlstadt sein koennte, nachdem der Stadtkern, der oekonomischen Schwaeche der Volkswirtschaft sei's gedankt, vom im 1969er Generalbebauungsplan avisierten Totalabriss und "Neuaufbau nach den Gesichtspunkten modernen sozialistischen Staedtebaus" verschont blieb, haelt noch immer weitgehend Dornroeschenschlaf. Wie's aussieht, wird's auch noch ein Weilchen so bleiben.

Die Bezeichnung Eisenhuettenstadt Ost war uebrigens eine Art vorauseilender Gehorsam, sollte doch mit der Plaettung der Bausubstanz - nur das Rathaus als Museum und die Kirche als Konzerthalle galten als bewahrenswert - auch der alten Stadtnamen entgueltig in Stadtarchiv und -museum verschwinden. Begruendet wurde diese Planung mit der Aussicht auf eine Bevoelkerung von 110.000 Einwohnern im Jahr 2000. Wir wissen alle, wie es letztlich gekommen ist: der Fuerstenberger Stadtkern blieb und die platten Neubauten nebenan werden abgerissen, da die Devise ab 1990 Schrumpfung statt Wachstum hiess.

Zurueck zum Bahnhof: Die Eisenbahnverbindung von Frankfurt/Oder nach Guben wurde ab 1843 nach Genehmigung durch den Preussenkoenig Friedrich Wilhelm IV. durch die Niederschlesische-Maerkische Eisenbahngesellschaft ueber Stock und Stein ziemlich parallel zur Oder gelegt. Der Anschluss Fuerstenbergs an die Berlin-Breslauer Eisenbahn erfolgte 1846. Wann genau das aktuelle Bahnhofsgebaeude in Betrieb ging, kann ich leider nicht sagen. Wirklich bedeutsam war der Bahnanschluss aber zunaechst weniger fuer die Einwohner, sondern viel mehr fuer die ab 1846 die errichtete Glashuette, in der in den Folgejahren fleissig Glas geblasen wurde. Dabei nutzte man die Segnungen des Schienengueterverkehrs um einerseits den notwendigen Sand aus der Oberlausitz heranzufahren und andererseits die Glaswaren in alle Welt fortzuschaffen.

Auf einer schoenen Postkarte aus dem Jahr 1915 erkennt man den Gueteranschluss nicht, dagegen aber sehr gut, dass die zentrale Gleisunterquerung zum Bahnsteig, die sich heute in einem Backsteinanbau befindet, noch freiliegt.

Heute ist der Bahnhof, trotz weitreichender Ueberdachung, sicher auch mangels Engagement der Bahn ein wahrlich trostloser Ort, an dem man sich freut, wenn der Regionalzug endlich da ist, um den Reisenden fortzutragen. Allerdings, dass muss man zugeben, sind auch die kommenden Bahnhoefe auf der Linie sowohl in Richtung Berlin wie auch in Richtung Cottbus jeweils keine Horte der Glueckseligkeit. Die ganz Grossen ihrer Zunft einmal ausgenommen, haftet Bahnhoefen aufgrund ihres Transitzweckes in der Regel irgendwie generell ein Hauch Verzweiflung und Verlassenheit an - wer jemals am Haltepunkt Zuessow seinen Anschluss verpasst hat, duerfte dieses Gefuehl in seiner ganzen Tiefe kennen. Da solche Einrichtungen allerdings vielerorts in einer netten und zentralen Gegend liegen - z.B. in Frankfurt am Main - kann sich der verlassene Reisende in dann dort zumeist unweit des eigentlichen Bahnhofsgebaeudes in die angenehme Atmosphaere eines Nobiskrugs zurueckziehen und eventuelle Wartezeiten mit allerlei kurzweiligen Erlebnissen ueberbruecken. In Eisenhuettenstadt geht das nicht mehr, da das HO-Hotel "Aufbau" laengst abgerissen, die Getraenkebaracke beim Taxistand ebenfalls geplaettet und die In-House-Mitropa-Filiale ohnehin schon lange aus dem Geschaeftsleben genommen wurde. Einzig der Imbiss neben den gruenen Schwingtueren oeffnet manchmal fuer ein paar Stunden, ist in puncto Aufenthaltsqualitaet aber auch noch nicht an der Grenze des Menschenmoeglichen angekommen.

So fuehlt man sich meistens, wenn man ankommt oder abfaehrt, in der Naehe des Eisenhuettenstaedter Bahnhofs so ausgesetzt wie sonst nur noch vor dem Berliner Hauptbahnhof. Dieser ist allerdings baulich doch ein bisschen besser in Schuss und vor allem ziemlich durchgaengig blankgewienert.

Eine Generalueberholung, die dann hoffentlich auch die zahlreichen momentan voellig ungenutzten Raeumlichkeiten wieder mit lustigem Bahnhofsleben erfuellt, steht in Eisenhuettenstadt bislang aus. Nachdem Norman Foster mittlerweile mit der neuen Gleishallenueberdachung in Dresden fertig ist, koennte ihn die Bahn AG nun ruhig auch mal ins Ostbrandenburgische beordern. Und wenn Sir Norman Foster gerade verhindert ist, dann nehmen wir auch gern einen anderen Baumeister. Nur GMP muss es nicht unbedingt sein, denn wer die Scheiben des Bahnhofnebengebaeudes ansieht, erkennt, dass die Eisenhuettenstaedter Jugend Glas nicht ganz so gut leiden kann.

In jedem Fall, so die Bauvorgabe, muss der neue alte Bahnhof von Eisenhuettenstadt bunt sein, wie eine JumboBox Wachsmalstifte. Wie so etwas aussehen koennte, zeigt uns die oben stehende Lichtmalerei. Eine solche Farbenfreude war es naemlich, die der Fotografie ganz zu recht den 1.Platz im Eisenhuettenstadt-Bahnhofsbilderwettbewerb brachte. Herzlichen Glueckwunsch!!

(Bildquelle: X* bei Flickr)

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